ADHS wurde bei mir erst sehr spät diagnostiziert: Ich war da schon 62 Jahre alt.
Dass ich ADHS (präziser: ADS) haben könnte, hatte ich da schon länger vermutet. Bei den Onlinetests, die ich gemacht hatte, war aber entweder ein klares Nein oder ein „könnte sein, wahrscheinlich aber nicht“ herausgekommen.
Mir war schon seit Jahrzehnten klar, dass ich „irgendwie anders“ ticke als die Menschen um mich herum. Dass die klassischen Zeitmanagement- und Selbstorganisations-Methoden für mich einfach nicht passen. Einiges davon hatte ich für mich adaptiert, sodass es mehr oder passte. Und trotzdem war insbesondere das berufliche Leben immer wieder auch ein Kampf.
In Festanstellungen hatte ich es im Höchstfall eineinhalb Jahre ausgehalten, zweimal bin ich am Ende der Probezeit zurück in die Selbstständigkeit geflüchtet. Ich hatte für verschiedene Verlage, PR-Agenturen, Onlinemedien und Firmen als Übersetzer, Ghostwriter, Berater, Trainer, Pressesprecher und mehr gearbeitet.
Die Themengebiete, mit denen ich mich beschäftig(t)e, reichen von IT über Geschichte, Politik, Technik, Wissenschaft bis hin zu Psychologie und Therapie. Ich habe zig Fortbildungen gemacht, mich in ungezählte Interessengebiete gestürzt und oft schnell wieder das Interesse verloren. Habe eine ganze Reihe von Kursen und Coachingprogrammen entwickelt und bis heute 30 Fachbücher veröffentlicht.
Vieles hat geklappt, mit einigen Vorhaben war ich erfolgreich, einiges aber ist im Sand verlaufen.
Es fühlte sich immer wieder so an, als würde ich einen 400-Meter-Lauf absolvieren und hätte einen zentnerschweren Rucksack auf dem Buckel. Aus meinem Umfeld bekam ich öfter zu hören, ich würde mir halt selbst im Wege stehen.
Ich war immer dann am produktivsten, wenn ich mit einer engen Deadline „zu kämpfen“ hatte. Vor allem in der Zeit, in der ich als freiberuflicher Journalist oder Ghostwriter gearbeitet habe.
Ich hielt das lange für ein ganz normales Phänomen, schließlich war das bei vielen Kollegen genauso.
Heute weiß ich, dass es genau solche Herausforderungen („eigentlich ist es nicht mehr zu schaffen“) sind, die Menschen mit ADHS raus aus der Paralyse holen und den nötigen Kick geben.
2020 hatte ich angefangen, als Coach vor allem Solopreneure zu begleiten, die ihr Aufschiebeverhalten ablegen wollten. Bei vielen davon klappte das gut, bei einzelnen aber passte das von mir entwickelte Programm nicht.
Eine dieser Klientinnen hatte eine ADHS-Diagnose. In der Arbeit mit ihr und durch Fachliteratur verstand ich schnell, wieso mein bisheriger Ansatz bei Menschen mit ADHS nicht funktionierte und was es stattdessen braucht.
Auf Empfehlung der auf Unternehmer*innen mit ADHS spezialisierten Coach-Kollegin Birgit Boekhoff kam eine Reihe von „ADHSlern“ zu mir ins Coaching. Mir wurde rasch klar, dass ich in vielen Dingen genauso ticke wie sie. Von da an war es nicht schwer, Methoden zu finden oder zu entwickeln, mit denen sie ihr Aufschiebeverhalten ablegen konnten – ich musste nur das nehmen, was für mich funktionierte.
Und ich lernte mit und von meinen Klienten Methoden, die mich selbst weiterbrachten.
Nach wie vor dachte ich aber, kein ADHS zu haben – das sagten schließlich die Tests, die ich gemacht hatte. Und als hyperaktiv hatte ich mich nicht gesehen.
Die Wende kam für mich mit Martin, einem wirklich hyperaktiven ADHSler, dem in der Berufswelt viel Übles begegnet war. In der ersten Sitzung erzählte er, dass ihm kurz vorher jemand die Eisenhower-Matrix zur Priorisierung empfohlen hatte. In dem Moment brach ich in lautes Gelächter aus – das war so absurd, so unglaublich hirnverbrannt. So, als hätte man einem Delfin geraten, es doch mal mit Hürdenlauf zu versuchen. Martin fühlte sich sofort verstanden und ernstgenommen in seinem Anderssein.
Im Coachingprozess mit ihm habe ich auch viel über mich gelernt. So habe ich immer mehr verstanden, dass vieles, womit ich in der Vergangenheit bei anderen angeeckt war oder mir selbst im Weg gestanden hatte, den Ursprung in meiner „nicht typischen“ Neurobiologie hat.
Dennoch habe ich mich weiterhin als Scanner (nach Barbara Sher) gesehen, nicht als jemand mit ADHS. Schließlich war ich doch in einigen Punkten ganz anders als meine hyperaktiven und impulsiven Klienten und Klientinnen.
wenn du Ja zu allen Anfragen sagst, die du spannend findest. Ohne dir Gedanken darüber zu machen, dass du die dafür nötige Zeit und Energie nie im Leben aufbringen kannst.
Erst mit dem Buch „Extra Focus“ von Jesse J. Anderson wurde mir schlagartig klar: Verdammt, ich habe ja doch AD(H)S. Was er da auf oft witzige Weise beschrieb, das war mir genauso oder ähnlich passiert. Oder hätte mir passieren können. Nicht alles, aber vieles.
Beim Lesen des Buchs hatte ich immer wieder Tränen in den Augen, nicht vor Lachen.
Ich erkannte mich wieder.
Und ich begriff, wo mir mein ADHS im Weg gestanden oder sogar mir dicke Felsen in den Weg gelegt hatte.
Die Erkenntnis, dass ich tatsächlich ADS habe, war in vielerlei Hinsicht ein Durchbruch für mich. Ich habe begriffen, warum sich mein Leben immer wieder schwer angefühlt hat, warum ich mit manchen Vorhaben gescheitert war.
Es war so erleichternd, endlich eine Erklärung für die „komischen Sachen“ zu haben, die ich gemacht hatte, ohne hinterher sagen zu können, wieso. Oder warum mir simple Aufgaben oft so schwerfallen – während ich Vorhaben ganz spielerisch meistere, an die sich die allermeisten nicht heranwagen.
Bis zu der Erkenntnis („Verdammt, ja ich habe ADHS“) dachte ich immer mal wieder, ich wäre verkehrt und würde die Dinge falsch angehen. Dass es an mir liegt und ich einfach zu dumm, zu umständlich, zu langsam, halt einfach nicht richtig und nicht gut genug wäre.
Heute ist mir klar, dass es an der Chemie in meinem Gehirn liegt. Dass ganz vieles, was neurotypischen Menschen normal erscheint, nicht für Menschen wie mich gemacht ist. Ich kann noch so viele Zeit- oder Selbstmanagement-Kurse besuchen: Die Eisenhower-Matrix oder „Eat the frog“ passen für mich nicht. Ich kann mich ein-, zweimal dazu zwingen, aber wenn es darauf ankommt, funktioniert es einfach nicht.
Wichtig ist mir: „Ich habe ADHS“, das ist keine Entschuldigung. Es ist eine Erklärung. Und das hat zu einer tiefen Versöhnung mit mir selbst geführt.
Und auf einer ganz praktischen Ebene zur inneren Erlaubnis, die Dinge so zu tun, wie sie für mich stimmig sind.