„Am Wochenende räume ich endlich mal mein Büro auf.“ Oder: „Heute miste ich mein E-Mail-Postfach aus. Endlich mal ein leeres Postfach …“
Endlich aufräumen. Mal klar Schiff machen. Ordnung schaffen, und zwar richtig.
Wer kennt nicht den Wunsch, „das ganze Chaos“, das sich auf dem Schreibtisch, im Kleiderschrank oder woanders angesammelt hat, mit einer Hauruck-Aktion aufzuräumen?
Nur: Das funktioniert vielleicht bei neurotypischen Menschen, die allein oder mit Unterstützung die Ärmel hochkrempeln und loslegen.
Für neurodiverse Menschen ist das so gut wie unmöglich. Auch wenn unsere neurotypischen Partner*innen das nicht nachvollziehen können und anbieten: „Komm, ich helf dir. Lass es uns gemeinsam anpacken …“
Was bei Neurodivergenten hilft
Die bisher beste Methode, mit der ich als Mensch mit ADHS dem selbst geschaffenen Chaos Herr werde, ist das 5-Minuten-Pickup. Der Begriff stammt von Dana K. White, die einige Bücher zum Thema Aufräumen geschrieben hat. Ihr Buch „Decluttering at the Speed of Life“ ist auch für Neurodivergente empfehlenswert.
Und so geht es:
1. Entscheide dich, wo du heute anfangen willst. Ob das nun eine Ecke im Büro ist, der Schreibtisch, die Arbeitsfläche in der Küche, der Kleiderhaufen im Schlafzimmer …
2. Stell dir einen Timer auf 5 Minuten.
3. Und dann pack an.
4. Wenn der Timer nach 5 Minuten klingelt, hörst du auf. Job erledigt.
Falls du Lust hast, noch weiter aufzuräumen, mach weiter. Falls du keine Lust mehr hast, ist das kein Grund, dich schlecht zu fühlen – du hast erledigt, was du dir vorgenommen hattest.
Auch wenn es nur 5 Minuten sind: Du wirst schon nach dem ersten Mal einen Unterschied sehen.
Die Wiederholung bringt’s
Ein einmaliges 5-Minuten-Pickup reicht natürlich nicht, um Unordnung zu beseitigen, die sich über Wochen oder Monate angesammelt hat.
Deshalb: Idealerweise legst du jeden Tag ein 5-Minuten-Pickup ein oder zumindest jeden zweiten Tag.
Damit bekommst du die Flächen (Boden, Schreibtisch, Ablage, Regale etc.) erst einmal wieder frei und verhinderst, dass sich im Lauf der Zeit wieder Stapel mit allem Möglichen bilden.

Wofür sich das 5-Minuten-Pickup eignet
„Pickup“ heißt ja: Aufheben. Die Methode eignet sich für alles, was du in die Hand nehmen und an den richtigen Ort bringen kannst, also für Bücher, Papiere, Kleidung, Geschirr etc.
Ich nutze die Methode auch, um in der digitalen Welt aufzuräumen: alte E-Mails löschen, Ordner mit Dateien aus längst abgeschlossenen Projekten von der Festplatte löschen (vorher natürlich ein Backup machen), Lesezeichen aus dem Browser löschen.
Wie wirst du daran denken?
Die Methode ist bestechend simpel. Die größte Schwierigkeit am Anfang ist es, eine Routine dafür zu finden. Konkret: Jeden Tag daran zu denken.
Dazu empfehle ich dir die beiden folgenden Möglichkeiten:
Variante 1
Du verknüpfst den 5-Minuten-Sprint mit einer anderen Aktivität, die du täglich tust. Wenn du zum Beispiel regelmäßig am Nachmittag Kaffee kochst, stellst du den Kaffee auf und stellst den Timer, dann legst du los – und nach 5 Minuten gibt es die Belohnung in Form einer Tasse Kaffee.
Variante 2
Du definierst dir für jeden Tag einen Zeitpunkt, an dem du das 5-Minuten-Pickup beginnst. Das kann immer der gleiche Zeitpunkt sein. Oder du legst ihn fest, wenn du die Aktivitäten für den Tag planst. Dann stelle am besten einen Timer, sodass du daran erinnert wirst.
Was bei den allerwenigsten auf Anhieb klappt: einen Aufräum-Sprint mitten am Tag zu beginnen, wenn man etwas sieht, das nicht am richtigen Platz ist. Wenn du beispielsweise an dem Stuhl vorbeigehst, auf dem Pullis, Jacken oder andere Kleidungsstücke hängen oder auf dem sich Bücher stapeln. Das funktioniert nicht, weil wir die Fähigkeit entwickelt haben, solche Dinge einfach auszublenden.
Es ist aber möglich, sich anzugewöhnen, aufmerksam durch das Büro und die Wohnung zu gehen. Sodass dir auffällt, wo etwas nicht an seinem Platz ist oder wo dir mehr Freiraum und weniger Durcheinander guttäte.

Wieso funktioniert das?
So reizvoll die Vorstellung ist: Klar Schiff machen, danach ist alles sauber aufgeräumt, endlich wieder ein leerer Schreibtisch …
Die Hürde, da ins Tun zu kommen, ist für Neurodivergente einfach zu hoch. Kleine, überschaubare Schritte, vor allem ganz konkrete Schritte: Das ist machbar. Und dann sieht man auch schnell erste Erfolge.
Schwierig ist nur, mit der eigenen Erwartung umzugehen („Wieso 5 Minuten, wenn ich doch in 2 Stunden komplett fertig sein könnte.“) und sich einzugestehen, dass man das mit den „nur 2 Stunden“ einfach nicht hinbekommt.
5 Minuten dagegen: Das ist machbar.
Bildquellen
Das Titelfoto stammt von Freestocks, das Foto mit dem Wäschestapel von
Towfiqu Barbhuiya, das Foto des leeren Schreibtischs von
Andrej Lisakov (alle drei via Unsplash).